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about

Lilli Sagi | Jaqueline Zauner Between Luxury and Craft: Selections of a Textile- / Design- Archive, 1990-2010.
Flora Juraszovich | Christine Nagy Hut Auf!
Simone Dörler | Lena Sellemond Roter Faden durch den Garnmarkt / Herrburger und Rhomberg
Kathi Puffer | Karolina Benz FELT. Ich fühl, ich fühl was du nicht ahnst.
Patric Bucher | Priska Rothammer Trudie
Simone Göstl | Philipp Harder Im Schlot wohnen die Tauben

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Das Sammeln und Anlegen von Archiven zu materieller Kultur im Bereich Textil, Moden und Styles ist der Ausgangspunkt für Projekte, die seit vergangenem Oktober in Auseinandersetzung mit konkreten Umgebungs-Situationen und deren historischer und/oder geografischer Kontextualisierung entstanden sind. Ein zentrales Kriterium für den Gegenstand der Archive ist die Translokalität: die Textilindustrie als ein arbeitsintensiver Produktionssektor ist eng mit Mobilität von Arbeitsstätten und mit Migration von Arbeitskräften verbunden, ihre Produkte wiederum stehen traditionell - als Handelsware mit einem günstigen Verhältnis von Transportabilität und Wert - mit einem globalen Transfer von Werten, Formen und Ideen in Zusammenhang.
Die gefundenen Materialien der Recherche, die Wege und Erfahrungen, informieren inhaltlich und methodisch die künstlerischen Narrationen der einzelnen Arbeiten; deren Themen reichen von Umgang mit baulichen Manifestationen einer inzwischen großteils ausgelagerten industriellen Produktion, über die Transformation von Trachten-Codes und Materialinterpretationen, bis zur Auseinandersetzung mit dem Archiv als Resultat einer Autorenschaft.

 

   

Between Luxury and Craft: Selections of a Textile- / Design- Archive, 1990-2010. Lilli Sagi | Jaqueline Zauner [back]

Die angedeuteten Kanten des Schwungs eines gezeichneten Akanthus werden so aneinander gesetzt, dass die florale Matrix sich endlos zu vervielfältigen beginnt. Ein Ausschnitt wird zum Rapport. Es ist Blütezeit. Pinselstriche auf Papier werden durch technologisch versierte Handgriffe vermessen, präzise in Kodierungen für Maschinen übersetzt. Gestrafft durch Kette und Schuss entstehen unter produzierenden Gebärden taktile Körper. Der Lärm macht vorübergehend taub. Ein Stoffstück wächst geduldig in fünf Farbtönen heran: magenta olive karminrot mahagoni beige. An den Seiten quillen dickere Fäden aus der Faser. Finger ziehen und ziepen daran, spielen mit den Zärteren dazwischen. Der Trennvorgang, ein Schnitt: die verwobene Fläche wird zum Musterstück. Löst sich von der Mutter, wird autonomes Objekt. Sein kompakter Körper hat zwei Erscheinungsflächen. Vorne kann hinten und Hinten ebenso vorne sein. Der Akanthus ist Stoffbild geworden.

 

 

Die installative Arbeit "The Luxury, The Craft And The Line In Between" basiert auf einer Auseinandersetzung mit einem persönlichen Textildesign- und Stoffmusterarchiv, in das sich, begonnen beim Entwurfsprozess bis hin zum internationalen Vertrieb, Ebenen der Transformation und der Translokalität einschreiben.
Die Webproben stellen beim Produktionsprozess der hochwertigen Möbelstoffe ein changierendes Moment dar, an dem sich Fragen künstlerischer Arbeit und Technologie neu formulieren.

 


 

Hut Auf! Flora Juraszovich | Christine Nagy [back]

Die drei in einer Wandnische abgehängten Hüte vor einem angelehnten Goldrand-Spiegel laden zum probieren ein. Sie stammen von der kleinen transylvanischen Manufaktur Istvan Vass und sind Varianten des ortsüblichen Hutes. Wer möchte, kann sich auch in der Installation einen über die Firmen-Webseite http://kalapshop.ro/ zu einem für die hiesigen Verhältnisse unglaublich günstigen Preis bestellen.
Rechts in der Nische läuft eine Dokumentation eines ungarisch-sprachigen Regionalsenders, links liegen zwei Hefte mit Dokumentationen zur Firma und einer Fotorecherche allgemein zur Hutfabrikation. Hier läßt sich einiges von dem ablesen, was diesem Projekt an Fakten zu Grunde liegt.


Die Manufaktur Istvan Vass ist ein Familienbetrieb der ungarischen Minderheit in Rumänien, der seit mehreren Generation und über verschiedene politische Systeme hinweg aktiv ist - bemerkenswerterweise war es der Familie auch in kommunistischen Zeiten erlaubt, das Unternehmen als Privatbetrieb zu betreiben um überleben zu können. Vass und andere kleine Hutfabrikanten produzieren vornehmlich für den lokalen Bedarf - praktisch jeder männliche Einwohner trägt solche Hüte. Seit asiatische Produzenten in den Markt drängen und die an sich günstige Ware nochmals unterbieten, wird verstärkt auf die ungarisch-rumänische Diaspora abgezielt. Über die ausführliche Website wird daher zunehmend nach zB England verkauft.
Auch auf der Produktionsseite ensteht Globalisierungsdruck: die ursprünglich in Italien eingekauften Rohstoffe verschwinden vom Markt und werden durch asiatische ersetzt, und so ist es für Istvan Vass immer schwieriger, seinen Anspruch auf lokale und nachhaltige Produktion für eine regionale Kundschaft umsetzen zu können.

 

 

 

Roter Faden durch den Garnmarkt / Herrburger und Rhomberg Simone Dörler | Lena Sellemond [back]

Eine stadträumliche Beobachtung von zwei ehemaligen Standorten industrieller Textilproduktion in Westösterreich, die in ihrer aktuellen Nutzung in unterschiedlicher Weise auf den ursprünglichen Zweck der Anlagen bezug nehmen.

 

Roter Faden durch den Garnmarkt
Simone Dörler

Der Ausgangspunkt der Arbeit war mein Interesse an der Umfunktionierung alter Textilfabrikgebäude in Vorarlberg, insbesondere des Garnmarktes in Götzis. Dieses neue Ortszentrum entstand aus dem Fabriksgelände der Firma Huber Tricot, welche vor über 100 Jahren gegründet wurde. (Vgl. Huberholding 2009) Mein besonderes Interesse galt der Architektur, denn gewisse alte Elemente, wie der Schornstein, wurden beibehalten, einige neue Elemente, wie zum Beispiel der große Huber Flag Ship Store oder das Café Hubers lenken die Aufmerksamkeit auf die frühere Funktion der Umgebung. Während der Researchphase wurden mir netterweise historische Bilder des Areals aus dem Besitz der Prisma Unternehmensgruppe und der Familie Huber zur Verfügung gestellt. Davon ausgehend wurde klar, ob und welche historischen Gebäude noch existieren und wie sich das architektonische Bild allgemein verändert hat. Für meine eigene Arbeit habe ich einige für mich relevante Orte des Areals fotografiert und durch das Benähen der Bilder mittels eines roten Fadens eine Verbindung mit der textilen Vergangenheit hergestellt.

 

Herrburger und Rhomberg
Lena Sellemond

So wie die Textilindustrie in Österreich in den letzten Jahrzehnten aufgrund fehlender Wettbewerbsfähigkeit in wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit versank, so verschwanden auch die Fundamente eines der letzten großen Textilbetriebe Tirols, des Innsbrucker Auslegers der Spinnfabrik Herrburger & Rhomberg, unter dem in den 90er Jahren neu erbauten Shoppingcenter "Sillpark".
Von diesen zukünftigen Entwicklungen noch nichts ahnend, reichte Franz Stengg im Jahr 1969 an der Universität Innsbruck die Diplomarbeit "Die Innsbrucker Spinnfabrik Herrburger & Rhomberg: Geschichtliche Entwicklung und Bedeutung in der Gegenwart" ein, in welcher noch die Rede von der Textilindustrie als einem "der bedeutendsten Industriezweige der österreichischen Wirtschaft" (Stengg 1969: x) war, und dieser noch eine rosige Zukunft prophezeit wurde (Stengg 1969: 117).
Textilwirtschaftlich hat der ehemalige Sitz der Spinnfabrik inzwischen an neuer, wenngleich kontroverser Relevanz gewonnen – als Standort der ersten Primark-Filiale Österreichs. Hierin spiegelt sich der Niedergang der österreichischen Textilindustrie angesichts der überwältigenden Konkurrenz aus Billiglohnländern, in welchen Primark vorwiegend produzieren lässt, wider. Die schier absurde Diskrepanz zwischen ehemaliger und heutiger Nutzung des Geländes wird mithilfe von händischer Photomontage aus Papiertüten der Diskont-Textilhandlung und Ausschnitten aus der Diplomarbeit behandelt.

Stengg, Franz. 1969. "Innsbrucker Spinnfabrik Herrburger & Rhomberg: Geschichtliche Entwicklung und Bedeutung in der Gegenwart". Diplomarbeit. Leopold-Franzens-Universität, Innsbruck.



 

 

 

 

FELT. Ich fühl, ich fühl was du nicht ahnst. Kathi Puffer | Karolina Benz [back]


> mov.

Ein Gedanke zur Verworrenheit


Das Unbekannte trifft sich und stößt sich ab, es entwickelt sich und trennt sich.
Das Unbekannte wird zum Bekannten und beginnt zu wachsen. Das Gewachsene wird größer, dichter, undurchsichtiger.
Das Undurchsichtige als eine Ansammlung von Gedanken, von Strukturen, von Fasern. Fasern der Perspektiven, Fasern der Integration. Fasern der Revolution.
Das Dichte wird eine Form eine Bewegung ein Körper.
Ein Körper der Verworrenheit,
Ein Körper der Bewegung.

Ein Textil, formbar, fest, dicht, stellt den Mittelpunkt der Arbeiten da.
Architektonisch, statisch, instabil entstehen verschiedene Positionen und verschiedene Interpretationen. Sie sind verbunden durch ihr Inneres durch ihren Antrieb durch ihre Substanz, durch den Filz.
Wärmend, undurchsichtig, chaotisch, durch sich und mit sich selbst verbunden, entsteht eine Form.

In seiner Systemlosigkeit geordnet ist der Filz synthetisch, organisch, vergänglich, eine Idee.

 

 



 

 

Trudie Patric Bucher | Priska Rothammer [back]

Die Historien von allem Anschein nach sehr unterschiedlichen Kleidungen weisen geschichtlich einige Gemeinsamkeiten beziehungsweise Überschneidungen auf. Die Rede ist von der Tracht auf der einen Seite und dem Hoodie auf der anderen. Ursprünglich kam die Tracht aus der Alltags- beziehungsweise Arbeitskleidung. Ganz ähnlich beginnt die Geschichte des Hoodies auch in der Arbeitskleidung. Kapuzenpullover wurden von der Firma Champion für Arbeiter_innen in Tiefkühllagern hergestellt, allein zu dem Zweck, Schutz vor der Kälte zu bieten. Trachten werden getragen, um beispielsweise die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe zum Ausdruck zu bringen. Mittlerweile hat der Hoodie den Sprung von der Arbeitskleidung in die Populärkultur geschafft. Er wird mittlerweile ohne Rücksicht auf Herkunft, Geschlecht, Alter, Ethnizität und vielem mehr, von jeder und jedem getragen. Er etabliert sich ganz nach dem Motto: „Genau das was ich gerade trage, dass ist meine Tracht“, als eine Art „Alltagstracht“ vor allem in jugendkulturellen Kreisen. Allerdings ist dieses Kleidungsstück trotzdem noch immer mit den unterschiedlichsten Zuschreibungen behaftet. Der Hoodie dient als Projektionsfläche von politischen und sozialen Identitäten des Trägers, der Trägerin. Vermeintlich werden den Trägern, den Trägerinnen eine bestimmte Verhaltensweise, ein bestimmter Charakter zugeschrieben. In England wird beispielsweise ein Hoodie Verbot in Kaufhäusern beziehungsweise überhaupt im öffentlichen Raum diskutiert. In Amerika wurde er auch in zahlreichen Schulen aus dem Unterricht verbannt. Im Gegensatz dazu wird wieder in England, eine Pro-Hoodie Einstellung zum Wahlaufhänger zum erweitern des Wählerkreises von David Cameron genutzt. Es zeigt sich damit, dass dieses Kleidungsstück auch in aktuellen Diskussionen kontrovers behandelt wird. Wer trägt Hoodies, welche Messages werden mit dem Hoodie transportiert und wie zeigt sich das Zusammenspiel zwischen Träger, Trägerin und Message.


 

Im Schlot wohnen die Tauben Simone Göstl | Philipp Harder [back]

Zwischen Liesing und Wiener Neustadt, entlang der Piesting, Triesting, Fischa, Schwechat und Leitha wurden ab den ersten Jahren des 19. Jahrunderts zahlreiche industrielle Anlagen errichtet. Sie waren namensgebend und identitätsstiftend für diese Gegend: das Industrieviertel.

Textilindustrie war dabei besonders prägend. Spinnereien, Webereien, Appreturfabriken oder Färbereien spielten eine zentrale Rolle in der Entwicklung vieler Ortschaften. Sie waren Orte der Produktion und des Überlebenserwerbs, der Solidarität und des Wettbewerbs. Für mehr als hundertfünfzig Jahre rauchten Schlote, spulten Spindeln und schossen Fäden unter Anweisung und Aufsicht tausender Arbeiter_innen. Ein großer Teil von Ihnen waren zur Arbeit in diese Ortschaften gezogen. Diese waren Zentren von Aufschwung und Krisen. Sie waren aber auch Schauplatz vielfäliger Auseinandersetzungen.

Im Zuge der Neuordnungen globaler Produktionsverhältnisse unterlag die westeuropäische Textilindustrie seit den 1970er Jahren drastischen Veränderungen. Oftmals werden diese Entwicklung für Westeuropa als Eintritt in die postindustrielle Gesellschaft beschrieben. Wie allerdings schaut post-industrielle Zeit im Industrieviertel aus?

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist das Sammeln von Eindrücken dieser (post-)textilindustriellen Situation im Industrieviertel. Diese Spurensuche materialisiert sich im Versuch einer topographischen Skizze des Spannungsbogens industrieller Geschichte, ihrer Relikte und Gegenwart. Dabei sind Bilder der Gegenwart und Impressionen der Vergangenheit miteinander verwoben. Blicke fallen auf architektonische Vermächtnisse sowie historische Zeugnisse aus Archiven und Bibliotheken. Unter anderem werden Spuren verschiedener Phasen von Migration, von Emanzipationskämpfen aber auch nationalsozialistischen Massenmordens offen gelegt.

Was geschieht mit dem industriellen Nachlass? Was wird erhalten, geschützt und genutzt? Was bleibt von Tragödien, Entwicklungen, Verbrechen, Konflikten und Revolutionsbestrebungen vergangener Tage?

 





 

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Konzept: Simonetta Ferfoglia und Heinrich Pichler
im Rahmen der Lehrveranstaltung "Praxen der Intervention und Kommunikation"
WS 2016/17
]a[ akademie der bildenden künste wien | IKL | Moden und Styles



Montag 23. Jänner 2017
der ausstellungsraum
Gumpdorferstraße 23 A-1060 wien

17h - 18.30h
Preview und Diskussion mit
Chiara Bonfiglioli | Juraj Dobrila University of Pula, zZ Research Fellow am IWM Wien
Elke Gaugele | Akademie der bildenden Künste Wien, Moden und Styles

ab 18.30h
Ausstellung





Kontakt:
Moden & Styles
Karl-Schweighofer-Gasse 3
A - 1070 Wien

Mag. Simonetta Ferfoglia
0699 17 406 023
s.ferfoglia@akbild.ac.at

Heinrich Pichler
0699 17 406 628
h.pichler@akbild.ac.at

der ausstellungsraum