gilbert bretterbauer

textile treasure

architektur kommt ohne textilien nicht aus. tut sie das, fehlt die verbindung zum menschen. die berührung mit dem raum erfolgt durch textile materialien, textilien sexualisieren architektur. textile oberflächen können aber noch mehr. träger des dekors haben sie unmittelbar einfluss auf die erfahrung des raumes. die raumvisualisierung gleicht einer suche nach obtischen anhaltspunkten. wiederholungen, farben, rapporte, musterungen. der schrecken vor der leere wird gefüllt, die nackte architektur verhüllt. architekten meinen, sie können alles. der mensch ist fremd in den bauten. jene, die es wagen, textilien als wesentlichen faktor gestalterischer prinzipien in ihr denken aufzunehmen, bereichern ihre bauten und bereichern deren benützerinnen. textile ebenen heben die architektur in eine neue dimension, sie erweitern die körperlich-sinnliche erfahrung ebenso wie die wahrnehmung der umwelt. nicht nur wärme akustik und dekor werden mit einem schlag erfüllt, auch sinne werden befriedigt. und nicht nur das: als membran zwischen haut und wand bewegt sich etwas! ist etwas nicht vorgegeben, ist variabel, hat veränderbare formen und materialprachen und haptik und struktur! lassen wir wände nicht unverhüllt, lassen wir möbel nicht unbedeckt, lassen wir räume nicht einsam in ihrer nacktheit, geben wir gebäuden eine haut, versehen wir fassaden mit geweben, belegen wir böden mit teppichen, verhängen wir decken mit stoffen, retten wir die architektur mithilfe von gespinsten! und überlassen wir eine gebaute struktur nicht sich selbst, verloren und sich sebst ausgeliefert! die sehnsucht zum textilen dringt aus uns, ornamentik und materialität versinnbildlichen die lust am leben! erweitert nicht das textile die erfahrung der umwelt? hat nicht das textile den charakter einer zugänglichkeit? fördert nicht das textile die lust auf berührung? doch! und weiter: erst durch textilien werden kanten weniger hart, oberflächen weniger glatt, inhalte weniger leer, die welt weniger laut und überhaupt alles weniger abweisend. das textile element ist eine ursprüngliche, zeitlose kraft, aus der immer von neuem bewegung in die festgefahrenen vorstellungen kommt. so gesehen ist es verwunderlich, dass orte ohne textilien überhaupt existieren. architektinnen und künstler können mittels textilien eine utopie verwirklichen, künstlerinnen und architekten sollen diese wirklichkeit bauen. wurde nicht das weiblich besetze textile von der männlich besetzten architektur missbraucht? haben nicht männer das textile frauen überlassen und haben nicht frauen die architektur bedient? aber auf welche untergeordnete weise! und jetzt heißt es die umkehrung zu deklarieren und eine textile revolution auszurufen, deren anliegen es ist, die gegenseitigen absichten zu verbinden. und wieder ist das textile die verknüpfung, die vernetzung der ebenen und wieder ist das textile das zentrum von dem aus gestalterische visionen erst realisiert werden können und somit kommen wir einander näher und verständigen uns und wissen mehr voneinander und durchdringen die räume und begreifen architektur und schreiben ihr textur ein, wodurch sie das textile erst hervorbringt und ermöglicht. das jedenfalls kann architektur: dem textilen die entfaltung ermöglichen!

g.b.

Stoffraum, 2009

 

Raumnetz, 2010