schleier

seit jahren dominiert die „kopftuchdebatte“ in westlichen massenmedien den migrationsdiskurs. die bildhaftigkeit dieser bekleidungstradition wird dabei genutzt, um differenzierte auseinandersetzungen zu umgehen und klare (feind)bilder des „anderen“ zu produzieren. die ausstellung „mahrem“ des kuratoren emre baykal und der soziologin nilüfer göle versammelt positionen von künstlerInnen mit türkischer, persischer oder arabischer herkunft, die sich mit einer in gewisser hinsicht ironisierenden übertreibung des kopftuchs annehmen. aus westlicher sicht bestärken sie damit eigentlich den islamophoben und rassistischen mainstream. interessanterweise vertritt göle als soziologin eine andere position: das kopftuch sei für eine jüngere generation muslimischer frauen nicht das ihnen aufgezwungene zeichen ihrer unterdrückung durch die männlich dominierte gesellschaft, sondern im gegenteil ein symbol der selbstermächtigung der mehrheitsgesellschaft gegenüber im sinne einer selbstbewußten deklarierung der identität. gegenüber der eigenen community schafft die einhaltung dieser konvention dagegen einen spielraum für anderwärtige überschreitungen.

die skulptur „turkish delight“ von olaf metzel war während der ausstellung im öffentlichen raum vor dem kunsthalle project space installiert und mehrmals umgestoßen / beschmiert worden. die skandalisierenden pressemeldungen über diesen vorfall deuten darauf hin, dass es der kunsthalle vorwiegend um den provokativen aspekt dieses themas ging.

 

  

arbeiten von:
Shahram Entekhabi
Mandana Moghaddam
Olaf Metzel
Nezaket Ekici

 

 

eine andere form der auseinandersetzung betrieb die berliner filmemacherin angela schanelec mit ihrem beitrag zur von gangart kuratierten ausstellung “knoten, symmetrisch_asmmetrisch” im MAK, in der sie den monolog einer jungen frau einem konvolut von zentralasiatischen brautschleiern (ruband) gegenüberstellte:

Vorgestellt, man sähe das Gesicht einer jungen Frau. Ihr Kopftuch und ihr Kittel deuten darauf hin, dass es sich um eine Arbeiterin handelt. Sie spricht zu jemandem, der ihr gegenüber zu sitzen scheint, ein Mann, den man nur am Ende eine Frage stellen hört. Sie spricht über eine Erinnerung an das Meer. Es ist ein intimer, sehr leichter Text. Die Erinnerung scheint ihr keine Mühe zu bereiten. Am Ende lächelt sie einen kurzen Moment. Schwarz/weiß, denn zu den Farben der Gesichtsschleier scheint mir ein farbiges Bild unmöglich. In der Frankfurter Allgemeinen war gestern das Porträt einer Frau, „Silvia 1“ von Franz Gertsch. Ihr Ausdruck ist ruhig, gelassen, ohne Angst und ohne etwas preiszugeben. Der Zusammenhang zu den Gesichtsschleiern ist einfach: Die große Leichtigkeit im Ausdruck, die von etwas Überwundenem zeugt, die nur durch dieses Überwundene möglich wurde. Eine junge Frau, die sich zeigt, und dennoch verbirgt, die spricht, ohne ihr Geheimnis zu offenbaren.

 

Angela Schanelec: Portrait einer Arbeiterin
Digital Betacam, 5 min
Prod.: Angela Schanelec, Berlin / 2002
mit Bettina Schneider
Kamera: Reinhold Vorschneider
Ton: Ludger Blanke

 

 

literatur / empf. von marianne sorge:

el guindi fadwa
veil – modesty, privacy and resistance

braun / mathes
verschleierte wirklichkeiten