eröffnung

Räume und deren ideologischen Ladungen zu erforschen und dabei die Narrationen und Kategorisierungen der westlichen Kunstgeschichte kritisch zu hinterfragen und in diese zu intervenieren ist seit vielen Jahren ein zentrales Anliegen von Gangart. Simonetta Ferfoglia und Heinrich Pichler haben diese Spuren in ihrer eigenen künstlerischen Forschung  – z.B. bei der Umgestaltung des Teppichsaales im Museum für angewandte Kunst – genauso intensiv verfolgt wie in der Zusammenarbeit mit Studierenden. Für die hier im ausstellungsraum.at gezeigte Projektausstellung Rug Plot  haben sie als Lehrende für Moden und Styles an der Akademie der Bildenden Künste Wien eine Kooperation mit der Abteilung textil-kunst-design der Kunstuniveristät in Linz intitiiert und gemeinsam mit den Kolleg_innen Gilbert Bretterbauer, der der Abteilung seit Herbst 2011 vorsteht, und Käthe Hager von Strobele ein Programm aus Exkursionen kuratiert sowie die Projektentwicklung durch die TeilnehmerInnen inhaltlich wie organisatorisch betreut. Auch die Studierenden haben als Wien-Linzer Künstler_innenteams zur Geschichte, zum Sammeln, zur Produktion und zur Nutzung von Teppichen aus den mit „Orient“ benannten geografischen Räumen gearbeitet: Anja Kohlweiss mit Florian Nörl und Michaela Landrichter; Barbara Post und Daniel Drvenica; Lena Heneis und Michaela Lechner; Dominik Leitner, Marianne Sorge, Letafat Tavakoli, Marianna Zeman.  Ausgangspunkte und Bezugsfelder ihrer sieben künstlerischen Arbeiten sind die historischen Orientteppiche des Wiener Museums für Angewandte Kunst sowie weitere Objekte aus privaten Sammlungen aus Wien und Oberösterreich. Die Teppiche wurden in den jeweiligen Sammlungen als ein symbolisches System erforscht mit Blick auf die sich historisch immer wieder wandelnden Klassifizierungen, Systematisierungen und Neudefinitionen. Parallel dazu lassen sich an Orientteppichen (und ihren Sammlungsstrategien und -orten) die Konstruktions- und Exklusionsmechanismen der kunsthistorischen Gattungshierachien der Moderne nachverfolgen. Deutlich wird, dass Orientteppiche Schlüsselobjekte der Postcolonial Studies sind und Kristallisationsobjekte für die Grenzziehungen zwischen dem Eigenen und dem Anderen. Unter postkolonialen Perspektiven werden sie zu Repräsentanten geographischer, gesellschaftlicher und politischer Raumordnungen. Diese wurden auch im Westen hineintransportiert und inkorporiert in private Interieurs. Codiert mit den Phantasien des „Anderen“, „Exotischen“,  „Ethnischen“  und „Authentischen“ wurden Orientteppiche zu kapitalen Repräsentanten des Eigenen, als konkret bürgerlicher Einrichtungsstil.

 

An der materiellen Kultur von Textilien lässt sich also die moderne Ordnung von Nation und Geschichte, Kunst und Kultur, Klasse und Geschlecht nachvollziehen. Die hier gezeigten Arbeiten spiegeln diese Auseinandersetzungen mit bürgerlichen Innenräumen, Ornamenten, Handarbeiten und protoindustrieller Produktion wieder. Sie thematisieren darüber hinaus den Wandlungsprozess von Teppichen indem sie deren Routen durch Kontinente und Jahrhunderte aufzeigen: Produktions- und Handelswege sowie Umgangs-, Gebrauchs- und Besitzformen bis hin zu denen durch Wissenschaftler, Sammler und Orientalisten.

Doch greift Rug Plot insbesondere aktuelle Fragen auf und bezieht Position: zu Arbeitsbedingungen, Migration und auch zu den politischen Befreiungskämpfen von ägyptischen Frauen im Arabischen Frühling.

Als Teil einer neuen Perspektive der Textile Studies ist es in zentrales Anliegen des Fachbereichs Moden und Styles an der Akademie der bildenden Künste Wien postkolonialen Perspektive in der künstlerischen genauso wie in der theoretischen Auseinandersetzung immer wieder weiter zu entwickeln. Ich danke daher allen Teilnehmer_innen und Unterstützer_innen von Rug Plot ganz herzlich für ihr Engagement und ihre Beiträge zu diesen Positionen.

Elke Gaugele