MARIENTHAL | arbeitsbedingungen in der textilindustrie
 

 

Mitte des 19ten Jahrhunderts war besonders die arbeitsintensive Textilproduktion von der Industrialisierung betroffen: in der österreichisch-ungarischen Monarchie wanderten die Fabriken – entsprechend der auch heute noch gültigen Logik von Standorten mit möglichst niedrigen Lohnkosten – in strukturschwache Regionen in der Peripherie, während sich andererseits die ArbeiterInnenschaft organisierte, um gegen die unmenschlichen Bedingungen in der Produktion zu kämpfen. Da in der Textilindustrie vorwiegend Frauen beschäftigt waren, existieren viele Parallelen zwischen der Formierung des Widerstands der ArbeiterInnen und der Entstehung der Frauenbewegung.

Cotonificio Triestino Monfalcone

Textilfabrik Marienthal

Predilnica Litija

Österreichische Textil-Werke Aktiengesellschaft


Ein kurzer Abriß der Geschichte des Textilkonzerns Mautner, der gegen Ende der Monarchie an über 40 Standorten um die 23.000 MitarbeiterInnen beschäftigte und damit zu Europas größten Unternehmen in dieser Branche zählte: urspünglich in Böhmen beheimatet, siedelte der Unternehmenssitz gegen Ende des 19ten Jhdts nach Wien und unterhielt Fabriken zB in Monfalcone bei Triest (das der österreichische Handelshafen war) und Litija in Slowenien. Viele der Produktionsstätten, die sich nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr auf österreichischem Staatsgebiet befanden, wurden dann als eigenständige Unternehmen weiter betrieben und existieren zT auch heute noch (zB http://www.litija.com/). Die Mautners waren überdies in einflußreichen Positionen des Bankenwesens tätig und nahmen rege am intellektuellen und kulturellen Leben Wiens im ersten Drittel des 20sten Jhdts. teil.

Marienthal

In den zwanziger Jahren erwarb Mautner die südlich von Wien gelegenen Spinnereibetriebe in Marienthal. Nach anfänglicher Rekordproduktivität wurde dieses Unternehmen so schwer von der Weltwirtschaftkrise getroffen – insbes. dem Zusammenbruch der “Neuen Wiener Bankgesellschaft Aktiengesellschaft” im Jahr 1929, dessen Präsident Stephan Mautner war -, dass es kurz darauf schließen mußte. Die dann folgende langjährige umfassende Arbeitslosigkeit der ansässigen Bevölkerung, die fast ausschließlich in der Textilindustrie tätig gewesen war, ist Gegenstand einer wegweisenden sozialwissenschaftlichen Studie:
Marie Jahoda, Paul F. Larzarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1975

Hintergründe zur Studie auf der Seites des ASGÖ – Archiv der Geschichte der Soziologie in Österreich [link]

Zwei Filmprojekte, die diese Studie zum Gegenstand haben:
“Marienthal 1930 1980″ / Gruppe SYNC – Dokumentarfilm, 1980; Produktion: Medienwerkstatt Wien. Film downloaden unter [Teil 1] und [Teil 2]
Text von Siegfried Mattl [link]

“Einstweilen wird es Mittag” / Karin Brandauer – Speilfilm, 1988 [Ausschnitt]
sowie eine 3-sat Dokumentation über Marienthal [link]

Textilindustrie und Frauenbewegung

Mit ihrem Bestreben,  die Lokalisierung von Produktionsstätten nach der Verfügbarkeit billiger Arbeitskräfte auszurichten,  agiert die Textilindustrie der Habsburger Monarchie nach den Prinzipien einer Binnen-Kolonisierung. Darüberhinaus ist sie ein in hohem Maße feminisiertes Arbeitsfeld. Die Arbeitskämpfe, die im Zuge der Mechanisierung der Produktion und der Artikulation von Rechten der Arbeiterschaft geführt wurden, sind daher von aktivistischen Frauen geprägt. Sie gehen Hand in Hand mit der Entwicklung der ersten Frauenbewegung, die nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen eintrat, sondern vor allem für die Gleichheit von Frauen – gleiches Recht auf Arbeit, Entlohnung, Bildung und nicht zu letzt Wahlrecht – kämpfte.



Hier ein unveröffentlichter Text (Ausschnitt aus einem Konzeptentwurf, 2010) der Historikerin Heidi Niederkofler über die Transformation gesellschaftlicher Rahmenbedingungen im 19ten Jhdt., die eine Neudefinition der Rolle des Weiblichen erforderlich machten: [niederkofler]
sowie ein Bericht über einen Textilarbeiterinnen-Streik in Wien Gumpendorf 1893, aus dem u.a. auch der migratorische Hintergrund der ArbeiterInnenschaft ersichtlich ist [arbeiterinnenstreik].



Viele Referenzpunkte der Frauenbewegung, wie zB der 8.März / Internationaler Frauentag, greifen auf solche Momente der Selbstorganisation der ArbeiterInnenschaft, und zwar meist in der Textilindustrie zurück (vgl.: Heidi Niederkofler: Es war einmal… Gründungsgeschichten des (internationalen) Frauentags, in: Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition, Mesner, Niederkofler, Zechner; Wien, 2011)

Empire and Industy

Während in Österreich die Textilfabriken in die (billigen) Peripherien im Süden und Osten der Monarchie abwanderten, lagerten die großen europäischen Kolonialmächte die Produktion weiter aus. Der hier verlinkte Film zeigt Abläufe in einer englischen Fabrik in Indien. Zu beachten sind unbedingt auch die kritischen Analysen, die auf der Seite beigefügt sind und darauf aufmerksam machen, wie film-sprachlich ein den Kolonialherren genehmes Bild der Fabrikation konstruiert wird!

Jute (1923)
Footage 1882fft, India/GB
[watch]
The film show the day to day running of the Titaghur Jute company, 
which is in Bengal on the banks of the river Hooghly.
 Opening shot 360 degree pan of industrial buildings.
 7000 Indian workers are employed, mostly women and children.
 There parks for the children to play.
 We follow the process from jute to cloth women working at looms
in the factory (very dark), shots of power plant.
 Schools and workers accommodations. Shots of trains and boats, loading.

Filmstill “Off to Work”



künstlerische Reflexion

“Jute” ist eines der Ausgangsmaterialien, das Maiken Domenika Kloser und Geo für ihren Film “Off to Work” (16mm, Farbe; 2013, entstanden im Rahmen der LV “On Trading – Fashion, Styles and Postcolonial Film) heranziehen.
Der Film und näheres zum Projekt unter [link]